Martin Linzer „Astrid Griesbach – Theater aus dem Geist des Puppenspiels“Theater der Zeit Werk-Stück, Arbeitsbuch 2003, Juli/August 2003 Spätestens seit die Leute von ZINNOBER, Off-Theatertruppe aus dem Prenzlauer Berg, als es solches dort noch gar nicht geben durfte, ihre puppenspielerische Unschuld verloren und sich "nackt" zeigten, das heißt als Darsteller ihrer selbst, wurde ein Emanzipationsprozess in Gang gesetzt, der sicher verschiedene Ursachen hatte, verschiedenen Motiven folgte. Die ehrenwerteste: In der Entfernung vom Gegenstand den eigentlichen Wert des Gegenstands und seine Möglichkeiten wieder zu entdecken. Die alte "Puppenkiste" wurde zum "Theater der Dinge", zum Objekt-, zum Materialtheater, und die Spieler traten aus ihrem Schatten heraus. Die Puppenspielerin und Regisseurin Astrid Griesbach ist Teil dieses
Prozesses. Im thüringischen Meiningen geboren, also in einer traditionsreichen
Theaterstadt, hat sie dennoch zuerst etwas "Vernünftiges"
gelernt, machte ihren Abschluss als "mittleres medizinisches Personal",
bevor sie an der Pädagogischen Hochschule in Erfurt Germanistik und
Slawistik studierte, daran ein Studium an der Hochschule für Schauspielkunst
"Ernst Busch" in Berlin anschloss: Fachrichtung Puppenspiel.
Danach ging es in Richtung Thüringer Heimat, an das Puppentheater
in Gera, was ein Intermezzo in der "Karriere" der Astrid Griesbach
blieb, denn Ausführen genügte der kreativen Künstlerin
bald nicht mehr, es sollte Selberführen sein. Also zurück zur
"Ernst Busch" und Regie studiert. Das Studium zog sich zeitlich
über die Wende-Grenze hin, sicherlich kein Nachteil, und war gewürzt
mit Arbeitskontakten zu Frank Castorf (Ost) - O-Ton Griesbach: Das ist
einfach ein kreativer Klops - und Robert Wilson (West) und machte Astrid
Griesbach reif für das Theater im neuen Deutschland der unbegrenzten
Freiheiten, in dem sie sich ihre Insel schuf: das "Theater des Lachens".
Bei „Antigone“ ist die Verfahrensweise ähnlich. Ein
Beispiel: Drei Clowns – natürlich - treten auf. Erst stellen
sie umständlich eine Pappmaschésäule auf, dann sich dahinter.
Warum dahinter? Damit sie in einen drängelnden Wettstreit geraten
können, denn keiner der eitlen Mimen möchte von der Säule
verdeckt werden. Dann geht einer von den dreien auf die linke Bühnenseite,
redet auf einen Lautsprecher ein, bestellt Tsatsiki, Ouzo vor allem, leise
erklingt das Lied vom Schiff, das kommen wird. Aha! Wir sind in Griechenland
gelandet. Die drei tragen zu ihren buntscheckigen Clownskostümen
an den Füßen unförmige Klumpen aus Karton, Schaumgummi,
anderen Kunststoffen. Aha! Kothurne, hier wird jetzt antike Tragödie
gespielt werden. Und ganz rasch kommen die drei auch auf den Punkt: Wer
hat, gegen das Verbot des Kreon, die Leiche des Polyneikes, des „Feindes“
also, begraben? Ganz einfach und schlicht einleuchtend: Der natürlich,
der die Schippe hat (handelsübliche Kinderbuddelschippe). Und da
Clowns mit Kindern gemeinsam haben, dass sie die Welt spielerisch erfahren
und dabei alles wörtlich nehmen, nehmen sie einander auf die Schippe
und spielen so was wie das Eene-meene-muh-Spiel: Wer die Schippe hat,
der war es, ist als Antigone erkannt und überführt – die
war´s schreien jeweils die zwei anderen. Und so sieht jeder zu,
die Schippe ganz schnell dem nächsten zuzuspielen, mit List und Tücke,
worauf der – die war´s – als Übeltäter erkannt
und überführt wird. Das geht, so oft es gehen mag, bis der Mechanismus
des Spies durchschaut ist, bis wir begreifen: Jeder könnte, auch
unsereiner, Antigone sein. Begreifen tun wir am besten, was zum Greifen
nahe ist. Griesbachsches Axiom. So geht das weiter, die Mittel erkennen
wir wieder, abnutzen tun sie sich nicht. Sie sind so alt wie das Theater
selbst, also unendlich haltbar. Natürlich blieb Shakespeare nicht sicher vor dem respektlosen Zugriff
Astrid Griesbachs. Mit einem erweiterten "Theater des Lachens"
- Ensemble hat sie auf einem Schulhof im Prenzlauer Berg den "Macbeth"
gespielt: Die Clowns spielten die Hexen, die Shakespeares Helden spielten
- Sie verstehen?! Mit jungen Schauspielern produzierte sie im Dresdner
Societätstheater einen "Othello" als Liebes- und Machtkarussell
in einem zeitgemäßen Ringelspiel von Selbst- und Fremdbestimmung.
Zu einem Ereignis wurde der „Lear" (vor und nach Shakespeare),
mit Puppenspielern aus dem Stuttgarter Raum (Berlin mit seiner "Ernst
Busch" und Stuttgart mit dem FITS sind für Astrid Griesbach
die wichtigsten "Brutstätten" für ihr Konzept eines
zeitgenössischen Theaters, das die Grenzen zwischen Menschen- und
Puppentheater kreativ aufhebt). Was da konkret geschieht, ist wieder nur
in bescheidenen Andeutungen beschreibbar. Da ist eine Benjamin Henrichs: Sehe ich einen Schauspieler als König Lear, dann sehe ich ihn, den anderen Menschen, an der Arbeit: seine Kunst, seinen Wahn. Sehe ich eine Puppe als König Lear, dann sehe ich in ihrem starren, leeren, vielleicht sogar blöden Gesicht plötzlich mich selber: meine Nichtkunst, meinen Wahn. Das heißt, dann bin ich selber König Lear. Entsetzliche Vorstellung. ("Puppe Lear", SZ 7.11.01) Im Jahr 2001 erlag Astrid Griesbach der Versuchung, ein Theater leiten
zu wollen, und dem Irrtum, dabei auch ihr Konzept durchsetzen zu können.
Am Ende musste sie eingestehen: Ich bin die Fehlbesetzung. Dabei war das
Konzept nicht einmal weltfremd, schon gar nicht elitär, es sollte
die Vorteile einer stehenden Bühne, allerdings mit flexibleren Strukturen
als real existent, verbinden mit den Vorteilen - und Erfahrungen - des
freien Theaters. O-Ton Griesbach: "Verbinden ohne zu fesseln. Wir
wollen die Hülle des Stadttheaters mit den modern budgetierten, höchst
effektiven Produktionsweisen der freien Theaterproduzenten ausfüllen.
Hier entsteht Theater. Ein Ort der Möglichkeiten. Ein Ort der Zeit.
Ein Ort auf Zeit. Wandelbar und doch geerdet in dieser Stadt." Aber
das hat die kleine "Hansestadt" an der Ostseeküste (die
bis 1962 immerhin ein reguläres Dreispartenhaus besaß) dann
doch überfordert, jedenfalls die mafiose Kulturbürokratie, Astrid Griesbach setzte in der Folge auf Koproduktionen. Bei "Tristan
und Isolde" etwa - nicht nach Richard Wagner - waren neben dem "Theater
des Lachens" und den Berliner Sophiensælen auch das Berliner
Museumsinselfestival und der Kultursommer Rheinland-Pfalz mit im Boot,
und in Wismar selber waren 700 Leute auf den Beinen, um das Open air Spektakel
zu sehen, zu genießen, zu feiern. Hier hatte die Regisseurin auch
tatsächlich mehr auf das Musikalische und das Optische gesetzt,da
war bewusst ein närrisches Spektakel inszeniert, eine mittelalterliche
Moritat, das heißt auch, hinter dem bunten, närrischen Treiben
lauerte immer auch der Totentanz, so war die Tragödie auch lustig,
die Komödie nicht ohne Ernst. Teatrum mundi eben, ganz a la Griesbach. Mit der letzten beschreibbaren Produktion, im Frühjahr in den Sophiensælen uraufgeführt, kommt Astrid Griesbach wieder auf ihre eigenen Anfänge zurück, damit auch zu ihren eigenen künstlerischen Wurzeln. Die Inszenierung "Der Führer spielt wieder" wurde entwickelt
mit Puppenspielern vom Berliner Theater Handgemenge (auch aus dem "Ernst
Busch"-Stall). Da greift sie sehr hoch, denn es geht um nicht weniger
als die Schöpfung und ihre Folgen. Der Schöpfer (mit zwei verschiedenen
Schuhen, was auch auf den hinkenden Mephistopheles verweist?) kommt mit
dem Fahrrad, und weil er einen festen Punkt braucht, um es anzuschließen,
muss er die Welt erschaffen. Dass da der "Lauf der Dinge" schon
zugange ist und ein kleiner Ordnungshüter (Puppe) schon für
Ordnung sorgt, irritiert ihn zunächst wenig,denn vor allem muss er
einen Sohn in die Welt setzen, der die Schöpfung erklärt. Das
Casting sieht einen gewissen Adolf H. vorn, und die Geburt des Sohns,
inklusive dreier Könige, wird von den beiden "Schöpfern",
als Puppenspieler geoutet, dann mit niedlichen Püppchen im Sandkasten
nachgespielt, angereichert mit allerlei historischen Versatzstücken
wie Autobahn und Oberammergau und Konzentrationslager und Irak-Krieg -
wofür als szenische Metapher eine "Golf"-Tasche steht (damit
ist schon angedeutet, wie man in der ausschweifenden Fantasie der Spieler
vom Stöckchen aufs Hölzchen gekommen ist). Trotz gelegentlichen
Erklärungsnotstands - sind wir nun die Puppen oder die Puppen-Spieler?
- bleibt das immer komisch und vor allem spannend, weil exemplarisch für
Astrid Griesbachs Rekurs zu den Ursprüngen: zu Kasper und Punch und
Guignol... Auch als Reaktion auf "sich breit machende amerikanisierende Noch drei Randnotizen, im O-Ton Griesbach
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