Das andere Theater – Heft 48Vom Niedern und Erhabenen auf der BühneGespräch mit der Regisseurin Astrid Griesbach Astrid Griesbach leitet seit der Spielzeit 2001/2002 das Theater der Stadt Wismar. Angetreten sind Griesbach und ihr Team, das Modell eines „alternativen Stadttheaters“ zu verwirklichen, in dem sich Impulse der freien Szene mir der Ensemblestruktur eines festen Hauses verbinden. Teil der Theaterkonzeption ist auch das genreübergreifende Arbeiten zwischen Schauspiel und Puppenspiel. Astrid, Du gilst als eine der interessantesten jungen, deutschen Regisseurinnen. Deine Inszenierungen, meist Adaptionen klassischer Themen und Stoffe sind geprägt von einer ästhetisch sehr eigenwilligen, vor allem aber sehr theatralischen Handschrift. Das Interessante für mich ist, dass Du Deinen künstlerischen Weg im Puppentheater begonnen hast. Begonnen hat mein künstlerischer Weg schon viel früher, denn
ich komme aus Meiningen, einer thüringischen Kleinstadt, in der ein
Stück deutsche Theatergeschichte geschrieben wurde, in der ein wundervolles,
riesiges Theater steht, gebaut 1831 von einem theaterbesessenen Herzog.
Noch heute leistet sich diese 27 000-Seelen Stadt ein 900-Plätze-Theater,
oft ausverkauft – eigentlich kann das doch nicht sein. Ist aber
so. Die Menschen dieser Stadt leben mit dem Theater. Und in dieser Atmosphäre
bin ich groß geworden, dort bekamen meine künstlerischen Sehnsüchte
Gestalt. Knüpfst Du an die traditionellen Wurzeln an, sind die Übergänge zwischen den Genres natürlich gleitend, denn Du knüpfst damit an einen Geist, einen unruhigen Geist, und nicht an formale Unterschiede an. Mich interessiert überhaupt nicht, ob ich es mit dem Schauspiel, Puppenspiel, Pantomime oder, oder zu tun habe. Ich finde es spannend, herauszufinden, welche theatralischen Ausdrucksmittel uns in diesem Europa, das gerade zusammenwächst, zur Verfügung stehen und das hat für mich sehr viel mit unserer künstlerischen Identität zu tun. Einer Identität, die entgegen der sich breit machenden amerikanisierenden Unverbindlichkeit von dem Kasper, dem Guignol, dem Grand Guignol oder dem Punch geprägt ist. Mit Deinen Inszenierungen, die künstlerische ebenso respektlos sind wie die eben genannten Volkstheaterfiguren, löst Du oft eine große Irritation beim Publikum aus. Das Gesehene lässt sich nicht einfach einordnen, zusortieren, vertraute ästhetische Kategorien versagen … … weil das Theater, das ich mache, nicht modisch ist. Es ist nicht
„in“ und ist nicht Trend. Und das soll es nicht sein, denn
Theater hat für mich nichts mit Trend zu tun. Das Theater geht in
die Vertikale, während sich der Trend in die Horizontalen verliert. Weil deine Entscheidung, für das, was auf der Bühne verhandelt wird, in erster Linie eine inhaltliche (und politische) Entscheidung ist? So ist es. Die Entscheidung, ein Thema öffentlich auf der Bühne
zu verhandeln, ist für mich ein politischer Vorgang. Ich liebe unter
anderem diesen subversiven Charakter der Volkstheaterfiguren, weil die
versuchen, dem Publikum etwas von hinten herum klarzumachen. Ob das immer
gelingt, ist eine andere Frage. Denkleistung ist schließlich Eigenleistung. Wie sieht denn der schöpferische Produktionsprozess in den von Dir erarbeiteten Inszenierungen aus? Die von Dir beschriebene thematische Auseinandersetzung setzt eine Identifikation der Darsteller mit einer sehr eigenwilligen Arbeitsweise voraus, verlangt ein besonderes intellektuelles und emotionales Engagement. Bei jeder neuen Inszenierung findet am ersten Probentag ein Durchlauf
statt. Das ist ein außerordentlich spannender Prozess. Jeder hat
das Stück gelesen, wir haben viel darüber geredet, debattiert,
diskutiert. Was dann auf der Bühne passiert ist das chaotische Aufeinandertreffen
aller Ideen und spielerischer Einfälle, das setzt in Beziehung zu
meinen konzeptionellen Gedanken, macht aufmerksam auf die besondere Aktualität
des Themas, verdeutlicht, welche Aspekte man sich heranzieht, welche man
lieber vernachlässigt bzw. umgeht. Du arbeitest sowohl mit Puppenspielern, als auch mit Schauspielern.
Wie von Dir beschrieben basieren Deine Inszenierungen auf eine Spielweise,
die den Volkstheatertraditionen entlehnt ist, einer Tradition, die dem
Schauspiel eben so eigen ist wie dem Puppenspiel. Interessanterweise nutzt
Du in Deinen „Schauspiel“ - Inszenierungen immer wieder die
Personnage des Kasperltheaters, beispielsweise lässt Du in „Danton“
das Geschehen von Kasper, Ritter und Teufel erzählen, lässt
in „Jeanne d´Arc“ zwölf Gretels auf der zitierten
Kasperlbühne agieren, und der Gestus der einzelnen Figuren entspricht
dem einer agierenden Puppe. Es gibt zwei wesentliche Unterschiede, die ich auf meinem Weg zur Regisseurin
begriffen habe. Wenn ich mit einem Puppenspieler arbeite und ihn korrigiere,
korrigiere ich das Material, auch wenn der Darsteller gemeint ist. Was verbirgt sich für Dich hinter dem Begriff „junges, modernes Theater“? Nichts. Da soll wieder etwas kategorisiert werden, was nicht zu kategorisieren ist. Theater ist weder jung noch alt. Die Frage ist, wie bewusst stellt man sich einer Kultur, der Kultur in einer Gesellschaft. (Das Gespräch führte Silvia Brendenal) |